Das Hauptziel der Erschaffung des Menschen besteht darin, ihn auf der Basis freiwilligen Handelns auf den Weg zu stetiger Vervollkommnung zu führen, damit er schließlich die endgültige Vollkommenheit erreicht. Daraus folgt, dass Gott die Schöpfung nicht sinnlos erschaffen hat.
Mit anderen Worten: Möchte der Mensch die Gnade Gottes verdienen, muss er Ihm gehorchen und Ihn anbeten. Diese Gnade Gottes, die wirklich eine barmherzige Gnade ist, wird insbesondere dem Menschen zu teil, und von ihr profitieren am meisten diejenigen Menschen, die diesen Weg der Vervollkommnung beschritten haben. Der weise Wille Gottes befasst sich unmittelbar und wesentlich mit dem Menschen, seinem Glück und seiner Vollkommenheit. Da Letztere nur durch freiwillige Taten zu erlangen sind, stellte Gott die Entwicklung der Menschen an einen Scheideweg: Gott gewährleistet die Auswahlmöglichkeit, doch einer dieser Wege führt zu Mühsal und Leiden.
Bevor wir uns mit den Einzelheiten dieser beiden Wege befassen, werfen wir einen Blick auf die menschliche Gesellschaft:
Der Mensch braucht von Natur aus der Gesellschaft. Er meidet das Leben in Abgeschiedenheit und bevorzugt die Gemeinschaft, doch er neigt dazu, mit allen verfügbaren Mitteln seine instinktiven Bedürfnisse und Triebe zu befriedigen, koste ihn dieser Eigennutz, was er wolle. Dadurch artet das gemeinschaftliche Leben in Konflikt und Rivalität unter den einzelnen Individuen aus, was zur geistigen Verarmung und zum Niedergang der Gesellschaft führt. Daher entstand das Bedürfnis für eine Gesetzgebung, welche in jedem Bereich des gemeinschaftlichen Lebens Ordnung zu schaffen vermag.
Hier stellt sich die Frage: Wer kann hierbei als Gesetzgeber fungieren? Anders ausgedrückt: Welche Individuen verfügen über einen nahezu vollkommenen Charakter und eine Ethik, um solche Gesetze zu erlassen?
Wir wissen, dass die Gesetzgebung und die Begründung einer Ordnung schon hinsichtlich eines kleinen Problems eine sehr schwierige Angelegenheit ist. Sogar erfahrene und belesene Soziologen mögen in den trivialsten Dingen daran scheitern. Dies ist in jenen Gesellschaften am deutlichsten zu sehen, in denen das Individuum der Gesetzgeber ist.
Will man eine gerechte Gesellschaft aufbauen, so muss dieser Vorgang besondere Voraussetzungen erfüllen, von denen hier drei genannt seien:
Erstens: Der Gesetzgeber muss über den Menschen hinsichtlich seines Ursprungs, seines Geistes, seiner organischen Bedürfnisse und Instinkte sowie darüber, wie mit diesen Merkmalen nützlich umzugehen ist, alles wissen. Je genauer und integrierter das Wissen über diese menschlichen Merkmale ist, desto effektiver sind die Gesetze und eine Rechtsordnung, welche die Menschheit schließlich zum Glück führen.
Zweitens: Der Gesetzgeber muss fern seines Eigennutzes, d. h. ohne Beeinflussung seiner Triebe, handeln, damit die erlassenen Gesetze der Allgemeinheit dienen. Folgt hingegen der Gesetzgeber seinem Egoismus und seinen Trieben, so werden die Gesetze keinen gemeinnützigen, sondern eben einen eigennützigen Sinn haben.
Drittens: Da alle Handlungen des Menschen seinem Glauben und seinem Denken entspringen (der Gläubige beispielsweise versucht durch sein Handeln das Wohlgefallen seines Herrn zu gewinnen) und da der Mensch natürlich selbst unvollkommen ist, so sind auch die von ihm geschaffenen Ordnungen und Gesetze im gemeinschaftlichen Leben, ganz gleich welchen Integritätsgrad diese Rechtsordnungen erreicht haben mögen, unzulänglich. Es sei denn, jene Gesetze entstammten im Kern einem vollkommenen, absoluten und unbegrenzten Ursprung.
Es stellt sich die Frage: Wo finden diese Voraussetzungen Erfüllung und wer kann ihnen genügen? Sind es die Menschen?
Wir wissen doch, dass die gewöhnlichen und außergewöhnlichen menschlichen Erkenntnisse und Erfahrungen solche Prämissen niemals erfüllen können. Denken wir darüber nach, so können wir feststellen, dass nur Gott diese Voraussetzungen zu befriedigen vermag.
In der ganzen Existenz werden wir kein Wesen finden, das den Menschen besser in- und auswendig kennt als sein Schöpfer. Denn der Schöpfer muss ja jedes Detail seines Geschöpfes am besten kennen, und dies genügt für die erste Voraussetzung.
Ebenfalls werden wir kein Wesen ausfindig machen, das völlig unabhängig von persönlichen Interessen, Trieben und Bedürftigkeit handelt, außer Gott – dies erfüllt die zweite Voraussetzung.
Des Weiteren gibt es kein Wesen, das nicht für seine eigene Überzeugung, sein Denken und seine Sitten eintreten würde, die wiederum seinen eigenen Interessen unterliegen, außer Gott. Denn Gott macht das Wohl der Menschheit vom Gehorsam Ihm gegenüber abhängig. Widerspenstigkeit und Ungehorsam führen zu Mühsal.
Der einzige und richtige Weg zur perfekten Rechtsordnung in der Gesellschaft ist der Weg der von Gott stammenden unbeirrbaren Offenbarung, welchen Er seinen unfehlbaren Propheten vorbestimmt hat. Gott sandte die Propheten zu den menschlichen Gemeinschaften, um ihnen die Wege zu zeigen, welche die Menschheit zur Integrität und zum Wohl führen.
So sagt Gott im Koran: „Wir haben bereits Unsere Gesandten mit deutlichen Beweisen entsandt und mit ihnen haben wir das Buch und die Waage herabgesandt, damit die Menschen für Gerechtigkeit stehen …“ (57. Sure Al-Hadid, Vers 25)[1]
Vers 129 der 2. Sure Al-Baqara lautet: „Unser Herr, lass unter ihnen einen Gesandten aus ihren Reihen auftreten, der ihnen Deine Zeichen verliest und sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert, …“
Über die Aufgaben des Gesandten heißt es: „Die dem Gesandten folgen, dem schriftunkundigen Propheten, den sie bei sich in der Thora und im Evangelium schon niedergeschrieben finden und der ihnen gebietet, was sich geziemt, und ihnen untersagt, was verwerflich ist, ihnen die guten Dinge erlaubt und ihnen Widerwärtiges verbietet und der ihnen die Bürde und die Fesseln, die auf ihnen waren, abnimmt. Denen, die an ihn glauben, ihm Hilfe und Beistand leisten und dem Licht folgen, das mit ihm herabgesandt wurde, wird es wohl ergehen.“ (7. Sure Al A`raf, Vers 157)
Aus den zitierten Versen wird die Zielsetzung der göttlichen Botschaften deutlich:
– Die Einheit (All-Einzigkeit) Gottes (at-Tauhid); dies ist eine der Hauptsäulen aller göttlichen Botschaften.
– Die Errichtung der Gerechtigkeit in allen menschlichen Gesellschaften.
– Der Hinweis auf die Zeichen Gottes.
– Die Erziehung der Menschheit und das Einladen zu tugendhaftem Charakter; Letzteres ist eines der Hauptziele der Gesandten.
– Die Erlösung der Menschheit von Unrecht und Sklaverei und der Aufruf zum Aufstand gegen die Unterdrückung durch Tyrannen und Machtbesessene.
– Die Förderung und Erziehung der natürlichen Veranlagung des Menschen.
– Das Inkraftsetzen der göttlichen Vorschriften und Gesetzgebungen.
– Das Lehren der Schrift, welche Tatsachen über die existente Welt und die Menschheit beinhaltet.
– Das Lehren der Weisheit. Dies umfasst alle im Koran erwähnten Tatsachen und Erkenntnisse, welche der Mensch auf seinem Weg zur Vollkommenheit braucht: das Fördern des Guten und das Verwehren des Übels, die Entlastung der menschlichen Seele, Verbreitung des Lichts im Leben.
Dies sind immer Anliegen der Menschheit gewesen, zu denen alle Gesandten aufforderten und alles opferten, um dies zu erreichen.
Dieser allmächtige Herr und Gott schickte zu seinen Geschöpfen den letzten und das Siegel aller Gesandten, den Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm und seiner Familie). Wie mag dieser Gesandte beschaffen sein und welchen vornehmen moralischen Charakter weist er auf, um das Siegel der Gesandten und der Verkünder der alles überdauernden Vollendung der Botschaften Gottes und Seiner Gnaden zu sein?
Gott schickte den letzten Gesandten in eine Gesellschaft, die von tiefgreifender Unwissenheit geprägt war und daran gehindert wurde, ihren wahren Verpflichtungen im Leben nachzukommen. Er schickte unter die Unbelesenen einen Gesandten aus ihren Reihen, dessen wichtigste Ziele waren: das Rezitieren der göttlichen Verse des Korans, die Förderung der (seelischen) Reinheit und die Belehrung der Menschen über die Schrift und die Weisheit.
Dies spiegelt sich in den Aufrufen aller himmlisch-göttlichen Botschaften und aller Propheten und Gesandten Gottes wider. So enthält das Gebet des ,,Vaters der Propheten“ Abraham die folgenden Worte: „Unser Herr, mache, dass wir Dir ergeben sind und mache aus unserer Nachkommenschaft eine Dir ganz ergebene Gemeinschaft, und zeige uns unsere Riten und wende Dich uns gnädig wieder zu. Du bist ja der Gnädige, der Barmherzige. Unser Herr, lass unter ihnen einen Ge sandten aus ihrer Mitte hervortreten, der ihnen Deine Zeichen liest, sie die Schrift und die Weisheit lehrt und sie läutert. Du bist der Mächtige, der Weise.“ (2. Sure Al-Baqara, Verse 128-129)
Hierbei ist zu beachten, dass die Übersetzung des arabischen Wortes „muslimun“ (Muslime) „Ergebene“ lautet. Unserer Prophet Muhammad, der Bote der Barmherzigkeit, verkündete den Menschen die Religion des Islam, mit allem, was das Wort „Islam” (der Friedenmachende) hinsichtlich Nachsicht und Gnade beinhaltet, nachdem alle Propheten und Gesandten die Botschaft von ,,Gottes Liebling“ und zugleich dessen Siegel, Prophet Muhammad, angebahnt hatten.
Somit gibt der Koran zu verstehen, dass der Begriff ,, Islam“ eine um fassende Bezeichnung aller himmlischen Gesetzgebungen ist: So sagt Noah (Nuh): „Und wenn ihr euch abkehrt, so habe ich euch nicht um Lohn gebeten, meine Belohnung obliegt nur Gott, und mir ist aufgetragen, einer von denen zu sein, die sich Ihm ergeben haben.“ (10. Sure Yunus, Vers 72)
Desgleichen sagt Gott über Abraham: „Abraham war weder Jude noch Christ, sondern in der wahren Religion, Gott ergeben, und er war keiner derjenigen, die viele Götter beigesellten.“ (3. Sure Ali-Imran, Vers 67)
Ein weiterer Beleg findet sich in der 2. Sure Al-Baqara, Vers 132: Und Abraham ermahnte seine Söhne und Jakob: „Meine Söhne, Gott gab euch eine auserlesene Religion, also sterbt nicht, ohne Gott ergeben zu sein.“
Ebenso heißt es über das Volk von Lot: Und Wir führten hinaus, wer darin von den Gläubigen war, und Wir fanden in ihr nichts als ein Haus von Gott Ergebenen. (51. Sure Ad-Dariyat, Verse 35-36) Über Moses berichtet Gott: Und Moses sagte: „Mein Volk, wenn ihr an Gott glaubt, so vertraut auf Ihn, wenn ihr Ihm Ergebene seid.“ (10. Sure Yunus, Vers 84) Bezüglich der Jünger Jesu offenbart Gott in der 5. Sure Al Ma’ida, Vers 111: Und als Ich den Jüngern eingegeben habe: Glaubt an Mich und an Meinen Gesandten, haben sie gesagt: „Wir glauben, und sei Zeuge, dass wir Gott Ergebene sind.“
Darüber hinaus finden sich noch viele weitere Verse im Koran, welche auf die Gesandten und Propheten hinweisen. Dazu kommen die Überlieferungen aus islamischen Quellen, welche die Bezeichnung „Islam“ für einzelne wie auch für die gesamten himmlischen Gesetzgebungen bezeugen.
Ibn Sa’d berichtet in seiner Sprüche-Sammlung „Tabaqat“[2] unter Berufung auf Ibn Abbas, dass Prophet Mohammad, nachdem er die Ge schichte Noahs und dessen Verlassen der Arche erzählt hatte, gesagt haben soll: „Und all die Ahnen zwischen Adam und Noah bekannten sich zum Islam.“ Eine andere Überlieferung lautet: ,,Es waren zwischen Adam und Noah zehn Jahrhunderte, und alle bekannten sich zum Islam.“
Aus den zuvor erwähnten edlen Versen des Koran sowie aus den Erzählungen und Aussprüchen des Propheten wird der Sinn des Verses 19 der 3. Sure Ali-Imran deutlich: Als Religion gilt bei Gott die Gottergebenheit (Islam).
Daraus ergibt sich nun die Frage, warum Gott in unterschiedlichen Abständen und Epochen einen Gesandten nach dem anderen entsandt hat. Die Antwort lautet: Gott schickte seine Propheten und Gesandten je nach zeitlichen und örtlichen Umständen und Gegebenheiten, zu jeder Weltanschauung und zu jedem Glauben, wobei der Gedanke des nach folgenden Propheten den des Vorgängers fortsetzt.
Die Welt gleicht einer Schule, in welcher die Menschen erzogen werden sollen. Die Propheten fungieren während ihrer Mission jeweils als Lehrer der Menschheit, doch alle haben zur selben Wahrheit und zum selben Herrn aufgerufen. Jeder vervollständigt das Werk des anderen bei der Verbreitung der Botschaften Gottes. Die Unterschiede all dieser Botschaften sind darin begründet, dass Gott mit jedem Propheten dem jeweiligen Stand der Menschheit angepasste Botschaften herabsandte, wobei die vorausgegangenen Botschaften als bekannt vorausgesetzt wurden.
Die Essenz ist die Einheit der göttlichen Religion, was durch einige Koranverse auch bestätigt wird. So lautet Vers 13 der 42. Sure Asch-Schura: „Er hat euch als Religion verordnet, was Er Noah anbefohlen hat und was Wir dir (Muhammad) offenbaren und was Wir Abraham angewiesen haben und Moses und Jesus: Haltet die Religion ein und spaltet euch nicht darin, …“
Dieser Vers vereinigt die wahre Religion und zählt die fünf Gesetzgebungen auf. Die wahre Religion ist eine, allerdings sind die Wege zu ihr je nach Zeit unterschiedlich, wie Gott in Vers 48 der 5. Sure Al Ma’ida sagt: „Für jeden von euch haben wir ein Gesetz und einen Weg bestimmt, und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber Er wollte euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. So wetteifert nun in den guten Taten. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren, und dann wird Er euch Kunde geben über das, worüber ihr uneins wart.“
Diese erhabenen Verse offenbaren uns, dass die fünf Gesetzgebungen einer einzigen Wurzel entspringen. Die islamische Gesetzgebung ist gewiss die von Noah, Abraham, Moses und Jesus, ganz gleich wie sich diese im Einzelnen unterscheiden. Es ist eine Tatsache, dass alle eine gemeinsame Wurzel aufweisen, die weit in die Vergangenheit zurückzuverfolgen ist. Jede neue Gesetzgebung ergänzt deren vorangegangene, doch alle entspringen einer gemeinsamen aus einer Religion stammenden Gesetzgebung.
Warum also streiten und bekriegen sich die Anhänger einer Religion mit denen einer anderen und vereinigen sich nicht unter einer Fahne, die einer Botschaft und einem Herrn dient?
Wir merken wohl, dass es nur eine Gesetzgebung gibt, die in fünf Gesetzgebungen verzweigt ist, die alle zu einem Gott und einer Botschaft aufrufen. Die religionsmündigen Anhänger aller Wege bilden eine Gemeinschaft, die einer Botschaft dient.
Gott spricht in der 23. Sure Al-Mu’minun, Verse 51-52, all seine Propheten an: „O ihr Gesandten, esst von den guten Dingen und handelt rechtschaffen. Ich weiß Bescheid über das, was ihr tut. Und dies ist eure Gemeinschaft, eine einzige Gemeinschaft. Und Ich bin euer Herr, also seid fromm!“
Die Scharia ist gewiss der klare Weg, der die Menschen zum höchsten Ziel führt und dies ist die Religion des Einzigen Gottes. Da die Religion von Gott stammt und von Gott gegeben ist, darf Er allein der Urheber der Scharia sein. Der Islam ist die Essenz der Scharia aller Propheten. Der Aufruf des Islam zu Tauhid ist also nicht neu, vielmehr wurde dieses Prinzip von allen Propheten verkündet. Im Koran findet man viele Belege hierfür, z. B.: O mein Volk, dient Gott oder Und Wir schickten in jede Gemeinschaft einen Gesandten, dass ihr Gott dient.
Wir beobachten, dass die meisten Propheten in ihren Verkündigungen an den Jüngsten Tag und die Auferstehung mahnten. So sagt Gott in der 7. Sure Al-A’raf, Vers 59: Wir haben Noah zu seinem Volk gesandt, und er sagte: „Mein Volk, dienet Gott! Ihr habt keinen anderen Gott als Ihn. Ich fürchte für euch die Strafe eines gewaltigen Tages.“
Ebenso riefen die Propheten und Gesandten, wie Moses, Jesus und Schuaib, zur Verrichtung des Gebets auf. Wir lesen z. B. in der 19. Sure Maryam, Vers 31, über Jesus: „Und Er machte mich zum Ge segneten, wo ich auch sei, und wies mich an zum Gebet und zur Armen steuer, solange ich auch lebe.“ An Moses gerichtet heißt es: „Ich bin Gott, es gibt keinen Gott außer Mir. Darum diene Mir und verrichte das Gebet zu Meinem Gedenken“. (20. Sure Ta-Ha, Vers 14)
In der 11. Sure Hud, Vers 87, ist zu lesen: Sie sagten: „O Schaib, befiehlt dir dein Gebet, dass wir aufgeben sollen, was unsere Väter anbeteten, oder dass wir mit unserem Vermögen tun, was wir wollen? Du bist wahrlich der Sanftmütige, der Rechtgeleitete.“ Außerdem riefen die Propheten zum Ritus der Wallfahrt auf: „Und ruf unter den Menschen zur Wallfahrt auf, und sie kommen zu dir zu Fuß oder auf jedwedem abgemagerten Reittier. Sie kommen von überall her.“ (22. Sure Al-Hadsch, Vers 27)
Das Fasten, das auch den früheren Völkern vorgeschrieben war, wird u. a, in der 2. Sure Al-Baqara, Vers 183, erwähnt: „O ihr, die ihr glaubt, euch ist das Fasten vorgeschrieben wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren. Vielleicht werdet ihr gottesfürchtig.“
Wir verstehen aus dem oben Ausgeführten, dass die Botschaften und Gesetzgebungen aller Propheten zweifellos göttlichen Ursprungs sind.
Gott ruft in der 42. Sure Asch-Schura alle Menschen auf: „… Haltet die Religion ein und spaltet euch nicht darin, …“ Gott gibt also zweierlei Anweisungen: zum einen die Einrichtung der Religion auf der ganzen Erde, und zum anderen die Vermeidung des großen Übels, d. h. der Zwietracht und der Heuchelei in der Religion, die von Hass, böser Gesinnung gegen andere und der Liebe zur vergänglichen Welt herrühren.
Ebenso können sich alle Religionen der Welt eine glückliche Menschheit ohne Religiosität nicht vorstellen. Ein glücklicher Mensch ist ein Mensch, der sich einer vollkommenen religiösen Verpflichtung unterordnet. Dieses religiöse Denken und die Erfüllung und Befolgung der religiösen Forderungen führen den Menschen zum absoluten Glück.
Ferner glauben alle Religionen, dass die Welt nicht ziellos erschaffen worden ist. Sie glauben im Gegenteil, dass hinter dem Akt der Erschaffung dieser Welt eine höhere Philosophie und Weisheit steht, die die Natur lenkt. Also sei die Erschaffung der Welt weder ein Phänomen der Launen, noch ein Phänomen des zufälligen Zusammenpralls der unbewussten Teilchen der Materie. Alle Religionen der Welt glauben, dass die Menschen ein Recht auf Leben haben.
Alle Menschen haben auch das Recht auf verantwortungsvolle Freiheit. Alle Menschen sind von Natur aus würdig und jeder Mensch besitzt seine persönliche, seine individuelle Ehre. Jeder soll das gleiche Recht haben, sich zu bilden. Gesundheitswesen und Kultur sollen allen zugänglich sein.
Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich! Dieses moralische Postulat und viele andere Gebote können durch Vertiefung in die Religionen aus den Lehren abgeleitet werden. In diesem Punkt sind sich alle Religionen des Herrn im Himmel einig. Mit diesen Gemeinsamkeiten können wir ein friedliches und gerechtes Leben für den kommenden Abschnitt der Geschichte ermöglichen.
In diesem Sinne möchten wir mit dieser Abhandlung uns selbst und all unsere Brüder im Glauben und in der Menschheit dazu aufrufen, die echten unverfälschten Erkenntnisse und Tatsachen über alle Kanäle, die zur unfehlbaren göttlichen Offenbarung führen, kennen zu lernen.
Insbesondere die Gesetzgebung Muhammads, die auch von seiner Nachkommenschaft (Friede sei mit ihnen) übermittelt wurde, die uns zweifellos zum Guten, zur Liebe zueinander und zum größten Vorteil führen wird.
[1] Die zitierten Koranverse wurden zum großen Teil mithilfe der Übersetzungen von Ahmad v. Denffer (3. verbesserte Auflage 1997), Rudi Paret (Tübingen 1979) Mau lana Sadr-ud-Din (Berlin I964) überarbeitet. (Anm. d. Red.)
[2] Tabaqat (Die Schichten), Band 1, S. 18
